Berliner Arbeitsgemeinschaft zur mädchen*bezogenen Sozialarbeit macht auf die prekäre Situation der Jugendämter aufmerksam

Montag, den 10. September 2019

Brandbrief der AG Mädchen*-Wohngemeinschaften in Berlin

 

Obwohl der Brandbrief der AG Mädchen*-Wohngemeinschaften bereits Anfang dieses Jahres versendet wurde, sind die von uns beschriebenen Zustände nahezu unverändert. Auch waren die Rückmeldungen unserer Adressat*innen so reduziert, dass sich die Arbeitsgruppe zu einer erneuten Veröffentlichung entschieden hat.

Aufgrund der prekären Situation in Berlin in Bezug auf die Handlungsfähigkeit der Jugendämter wenden wir uns mit diesem Brandbrief an die Berliner Politik.

Wir sind eine Arbeitsgemeinschaft, die sich aus verschiedenen Trägern der mädchen*bezogenen Sozialarbeit zusammensetzt. Diese Sozialarbeit ist auf eine enge und reibungslose Zusammenarbeit mit den Berliner Jugendämtern angewiesen. 

Die derzeitigen Bedingungen machen dies leider unmöglich!

Der Personalmangel, sowie die Überlastung der Mitarbeiter*innen der Jugendämter durch die derzeitigen Strukturen und Arbeitsbedingungen führen dazu, dass wir als Hilfebeauftragte unsere Arbeit nicht mehr professionell im Interesse der Mädchen* und unseres gesetzlichen Auftrages ausführen können. Dies liegt vor allem daran, dass Hilfeplangespräche erst nach langer Wartezeit, bzw. teilweise auch gar nicht stattfinden. Außerdem bestehen monatelange Wartezeiten, bis die
Hilfepläne, welche das Kernelement der Durchführung von Hilfen sein sollen, nach einem Hilfeplangespräch zugesandt werden.

Wir reihen uns mit unserem Brief und unseren Forderungen in eine lange Reihe von Beschwerden ein. Zu nennen sind hierbei unter anderem die vorhergegangenen Offenen Briefe der Jugendämter (September 2016, BA Steglitz-Zehlendorf), der Freien Träger (März 2017, Träger Tempelhof-Schöneberg), sowie das erst im Juni 2018 veröffentlichte S.O.S. des Jugendamtes in der Grüntaler Straße in Mitte. Der Regionale Soziale Dienst kann sich aufgrund der prekären Situation nur noch um das Feuerlöschen und nicht mehr um eine professionelle, nachhaltige und Klient*innenbezogene Lösungsgestaltung kümmern.

Daher stellen auch wir uns die Frage, was noch passieren muss, damit diese Zustände endlich in den Fokus genommen werden!

Wir fordern die verantwortlichen Politiker*innen auf, die Arbeitsbedingungen der Jugendämter sofort zu verbessern, sodass eine professionelle Soziale Arbeit ermöglicht wird, die das Wohlergehen von gesellschaftlich benachteiligten Menschen verbessert und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe für alle ermöglicht!

Konkrete Fälle aus der stationären Jugendhilfe:
Aus unseren Arbeitskontexten der stationären Jugendhilfe ergeben sich immer wieder konkrete Fälle im Zusammenhang mit dem Jugendamt, die unsere Arbeit erschweren und die die Grundlage unserer Forderungen bilden. Hierbei ist uns wichtig zu betonen, dass diese Ausdruck eines strukturellen und
nicht individuellen Problems sind.

Diese sind unter anderem:
- Nichterreichbarkeit der Jugendämter durch Schließzeiten, sodass die Erreichbarkeit teilweise nur über das Krisentelefon gewährleistet ist
- keine Rückmeldung des RSD und teilweise auch keine Besetzung des Tagesdienstes
- Hilfepläne, die eine wichtige Rechtsgrundlage unserer Arbeit sind, werden nicht erstellt und in die Einrichtungen geschickt
- Nicht-Stattfinden von Hilfekonferenzen
- ständiger Wechsel von Zuständigen, woraus resultiert, dass wir immer wieder von vorne anfangen und die Vertrauensbasis immer wieder aufgebaut werden müssen
- Gelder werden monatelang nicht überwiesen, z.B. Einrichtungs- und Bekleidungsgelder; Jugendliche können Zimmer nicht einrichten oder haben kaum Kleidung; dies erschwert das Ankommen der Jugendlichen und wirkt sich somit negativ auf den Hilfeverlauf aus
- durch immer weitere Einsparungen erhöhen das JA den Druck auf die Mädchen*, so schnell wie möglich auszuziehen
- durch die enorme Überbelastung der Mitarbeiter*innen des Jugendamtes sind nur noch „Feuerwehreinsätze“ möglich und das Gefühl der Unterstützung im Hilfeverlauf und das gemeinsame Kämpfen geht verloren
- Stationäre Hilfen werden sehr spät eingesetzt

Unsere Forderungen:
Wir fordern die verantwortlichen Politiker*innen auf, die Arbeitsbedingungen der Jugendämter sofort zu verbessern, sodass eine professionelle Soziale Arbeit ermöglicht wird, die das Wohlergehen von gesellschaftlich benachteiligten Menschen verbessert und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe für alle ermöglicht!

Daraus ergeben sich für uns folgende Forderungen in Solidarisierung mit den Forderungen des Offenen Briefes von BA Steglitz-Zehlendorf vom September 2016:
- Eine angemessene Bezahlung und somit Höhergruppierung der Mitarbeiter*innen
- Eine Reduzierung der Fallzahlen
- Einen angemessenen Personalschlüssel und damit verbunden eine ausreichende
Einarbeitungszeit

 

Autor des Brandbriefs: AG Mädchen*-Wohngemeinschaften

Leben lernen e.V. - Aktion ́70 Jugendhilfe im Verbund e.V. - Papatya e.V. - Kinder lernen Leben gGmbH - Mädchen in Marzahn e.V. - arbeit bildung wohnen gGmbH – Evin e.V. – Courage, Klubheim e.V. – Sozialpädagogisches Jugendwohnen e.V.